Corona und die Psyche

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In den Medien und hiesigen Beiträgen ist sehr häufig von der „Risikogruppe“ die Rede – dabei zielt der Begriff ganz klar auf körperliche Risikofaktoren bei Menschen ab, wie ein geschwächtes Immunsystem, anfällige Atemwege, Vorerkrankungen, Altersschwäche, etc..

Aber gehören Leute mit psychischen Belastungen nicht auch zur Risikogruppe, frage ich mich. Menschen mit depressiven Neigungen oder Angststörungen, Menschen die schon vor dem Ausbruch des Virus in einer persönlichen Krise gesteckt haben, die sie bisher vielleicht bewältigen konnten, aber jetzt spitzt sich alles zu?

Und was ist mit Einsamkeit? In Deutschland leben etwa 1/5 der Menschen in Single-Haushalten. Viele haben zum Glück kein Problem damit allein zu sein, aber manche schon, und einige sogar sehr. Jetzt mehr denn je. Ich glaube, Einsamkeit wird schwer unterschätzt und die Isolation durch die momentanen Einschränkungen (so vernünftig sie auch sind) können gefährlich werden. Und wir wissen nicht genau, wen es betrifft.

Husten oder Atembeschwerden merkst du einem Menschen meistens deutlich an. Nur wie bekommst du mit, ob jemand einsam, deprimiert oder depressiv ist, wenn du ihn nicht siehst und er es nicht direkt äußert?

Deshalb, achtet in eurem Umfeld nicht nur auf körperliche und offensichtliche Risikofaktoren. Achtet auch auf die emotionale Verfassung, auf Anzeichen für seelische Probleme bei Leuten mit denen ihr sprecht. Nicht nur bei Alleinlebenden oder älteren Leuten, auch bei Menschen, bei denen ihr es vielleicht nicht vermutet. Lieber einmal mehr nachgehakt.

Und beobachtet bitte auch euch selbst.

Sich nicht frei überall hin bewegen zu können, „Social Distancing“, daheim ist es vielleicht zu eng, man fühlt sich machtlos, überfordert, verunsichert. Das sind Arten von Stress, die schon für normal belastbare Menschen zur Herausforderung werden.

Lasst uns tun, was wir tun können, damit deprimierte, depressive, einsame oder angstvolle Menschen besser aufgefangen werden können. Diejenigen, die mehrmals am Tag einkaufen gehen, weil sie es sonst zuhause nicht aushalten, oder die, die sich aus Angst komplett von der Außenwelt abschotten, oder wie auch immer es sich äußert.

Wenn es sich bei jemandem bestätigen sollte, dass er gerade mit solchen Zuständen kämpft: Das muss nicht gleich ein dramatisches Ausmaß haben, aber es schadet bestimmt nicht, genau hin zu hören, was Sache ist.

Ich meine damit nicht, dass du eine Therapeutenrolle einnehmen sollst, und du musst das Problem für die Person auch nicht lösen. Es geht darum, dass die Betroffenen sich gesehen und ernst genommen fühlen. Schon das Zuhören hilft.

Vielleicht sind dann diese Fragen nützlich:

  • Was kann die Person jetzt für sich selbst tun? Was waren bisher so ihre Selbstfürsorgemaßnahmen und welche davon kann sie auch weiterhin nutzen? So etwas wie raus in die Natur gehen, sich auspowern, Musik hören, Filme schauen, Bücher schmökern, etc.

  • Wo kann sie sich noch andere Anregungen holen?

  • Mit wem könnte sie sich mehr austauschen und besser vernetzen?

  • Hat sie einen Plan, falls es schlechter wird, z. B. eine Telefonliste (siehe unten)?



Wenn du selbst dich gerade einfach beschissen fühlst: Nimm dich bitte ernst, das ist echt legitim. Es heißt nicht gleich, dass sich ein psychisches Problem entwickelt, aber tu auch nicht so als wär nichts, okay? Allein mit jemandem darüber zu reden ist eine Erleichterung, deshalb ruf jemanden an, und sprich dich aus. Du darfst das. Du würdest es auch jedem anderen zugestehen. Und dann kannst du immer noch sehen, wie es dir danach geht und was du brauchst.

Die Instant-Maßnahme raus in die Natur zu gehen und sich zu bewegen hilft übrigens nachweislich, in eine bessere Stimmung zu kommen (in der Natur fühlen sich Menschen eher in etwas „Ganzes“ eingebunden). Hilft zwar nicht für immer, aber dafür ziemlich sicher und schnell. Für jetzt.

Hier sind noch Anregungen für eine persönliche Telefonliste, lowtech auf Papier zum Aufhängen an einem gut sichtbaren Ort. Mach es einfach.

  1. Nummer von einem engen Freund/einer engen Freundin, oder mehreren, die du anrufen wirst wenn es dich überschwemmt. Du kannst ihnen ruhig vorher ankündigen, dass sie auf deiner Liste stehen (die meisten werden sich geehrt fühlen)

  2. Nummern von Familienmitgliedern, Mutter, Vater, Geschwister oder die lässige Patentante, zu der du einen guten Draht hast

  3. Nummer von einem/einer guten Bekannten, den/die du vielleicht nicht so oft siehst, aber wo es dir trotzdem leicht fällt offen zu sprechen. Scroll mal deine Kontakte durch.

  4. Falls der Punkt kommt, an dem es akut emotional bergab geht, gibt es auch Dienste und Hotlines für genau diesen Zweck. Dann nimm diese Liste mit auf (die bitte auch ins Telefon einspeichern):

  • Deutsche Depressionshilfe: Tel. 0341/ 2238740 (https://www.deutsche-depressionshilfe.de)

  • Bundesweite Notruf-Hotline für psychische Krisen 0800 /111 0 111 und 0800 / 111 0 222 (rund um die Uhr, top ausgebildete Leute)

  • Kinder- und Jugendtelefon Tel. 0800 / 111 0 333 (Mo. - Sa. 14:00 - 20:00 Uhr)

  • Für Österreich: Tel. 142 (rund um die Uhr)

  • Für die Schweiz: Tel. 143 (rund um die Uhr)

  • Was auch geht: Kontakt mit dem ärztlichen (psychiatrischen) Bereitschaftsdienst aufnehmen: bundesweite Tel. 116 117, oder tagsüber geht auch der eigene Hausarzt

  • Noch mehr Kontaktmöglichkeiten: https://www.telefonseelsorge.de


Ich hoffe ja sehr, dass es für die meisten nicht relevant wird, aber bitte helft mit, die Wachsamkeit und das Bewusstsein für dieses Thema zu schärfen. Es ist echt wichtig. Experten sagen, wir stehen noch relativ am Anfang der Krise, da kommt womöglich noch einiges auf uns zu. Hoffentlich nicht, aber seien wir einfach breitband-vorbereitet, einverstanden?

In diesem Sinne, danke für euren lieben Support, eure Bereitschaft anderen und euch selbst zu helfen und ganz liebe Grüße

Silvia

 

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